Pressespiegel

 

In der Aufführung des Theaterensembles der Wichernkirche beeindruckt Anne Käfer als verliebte und am Ende um ihre Liebe betrogene Frau. Foto: privat

 

Cannstatter Zeitung vom 9. Dezember 2009

Zeitgemäßes Faust-Theater

Bad Cannstatt : Gelungene Aufführung des Theaterensembles der Wichernkirche im Anna Haag Mehrgenerationenhaus

(bl) - Wie gefesselt saß das Publikum, als Heinrich Faust sein Gretchen im Kerker zurückgelassen hatte. Dann wurde das Theaterensemble der Wichernkirche Bad Cannstatt mit langanhaltendem und begeistertem Applaus belohnt. Die Aufführungen von Goethes Faust (gekürzte Fassung des ersten Teils der Tragödie) fanden am 28. November in der Evangelischen Wichernkirche und am Sonntag im Anna Haag Mehrgenerationenhaus statt. Heinrich Faust (Felix Kammerlander), ein alter, lebensmüder, aber doch das Lebensglück noch suchender Wissenschaftler, schließt mit Mephistopheles (Olaf Creß), dem Teufel, einen Vertrag. Mephistopheles will Faust, der von Kammerlander mit überzeugender Zerrissenheit dargestellt wird, die schönen Seiten des Lebens zeigen. Mephistopheles und Faust verlassen rasch die Studierstube des Gelehrten und suchen „Auerbachs Keller“ auf. Hier treffen sie auf eine Gruppe weinseliger Männer, die sehr gekonnt ihre Trunkenheit und ihre Arglosigkeit gegenüber dem Teufel spielen. Mit klarer, ernster und sonorer Stimme leitet der Erzähler (Paul Wolk) über ins Reich der Schönheitshexe. Diese mixt für Faust einen Trank, der ihn jung und begehrenswert macht. Dabei verführt die attraktive Hexe, gespielt von Svetlana Kostin, nicht nur den Teufel mit ihren Künsten. Der verjüngte Faust verwandelt sich vom trostlosen Alten zum leidenschaftlichen Liebhaber, als er schon bald auf Gretchen trifft. Anne Käfer, die die Rolle des Gretchens spielt, beeindruckt mit ihrem ausdrucksstarken Einfühlungsvermögen in eine verliebte und schließlich um ihre Liebe betrogene Frau. Während Mephisto mit einem heißblütigen Tango Gretchens Nachbarin gewinnt, spielt sich eine stille Liebesszene zwischen Faust und Gretchen ab. So romantisch und feinfühlig Kammerlander den Faust gibt, so bestechend spielt Creß einen klar berechnenden und lüsternen Mephistopheles. Die anrüchige Seite des Teufels wird packend dargestellt beim Tanz der Hexen, der sich der mitreißenden Choreographie von Gabriele Brauchle verdankt. Gretchen, die vom treulosen Faust schwanger geworden ist, hat das uneheliche Kind ertränkt. Dafür wird sie zum Tode verurteilt und in den Kerker geworfen. Faust will sie befreien. Doch ihm gelingt es nicht mehr, die nun dem Wahnsinn verfallene Frau erneut an sich zu binden. Zwischen Käfer und Kammerlander spielt sich eine ergreifende und fesselnde Szene ab. In großartiger Weise vermag Käfer, dem Wahn Gretchens Ausdruck und der ganzen Szene eine ungeheure Dramatik und Dichte zu verleihen. Unter der ideenreichen Regie von Olaf Creß, die den altbekannten „Faust“ zu einem gegenwärtigen und sehr bewegenden Kunstwerk macht, haben alle Ensemblemitglieder ein außerordentliches schauspielerisches Können bewiesen. Die Bühnenbilder und die Musikauswahl runden die gelungene Inszenierung ab.

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