Stuttgarter Nachrichten vom 30. März 2009
Manche Erinnerungen befördern bei alten Menschen Abneigungen –
Kinder oft ahnungslos
Zur Pflege alter Menschen gehört mehr als Waschen, Salben, Zähneputzen. Viele Altenheimmitarbeiter versuchen, mit ihren Bewohnern im Gespräch zu bleiben und zu verstehen, was sie bewegt. Das ist nicht immer leicht – vor allem, wenn sie bis ins hohe Alter traumatische Erlebnisse als Geheimnis bewahren.
VON BARBARA CZIMMER-GAUSS
Von ihren schönen Erlebnissen aus Kindheit und jungen Jahren erzählen Senioren in aller Regel sehr bereitwillig, erschöpfend und vor allem immer wieder. Das sind die Geschichten, die auch die Kinder kennen. Was aber ist während der Kriegsjahre passiert? Welche Angst, welche Schuld die Eltern tragen, wissen in vielen Fällen nicht einmal die Söhne und Töchter.
Seit einigen Jahren beschäftigt sich Sonja Schlegel, die Leiterin der Geschäftsstelle für eine kultursensible Altenhilfe, mit der Gruppe der NS-Verfolgten in Altenheimen. Bei ihnen könne schon ein vermeintlich harmloser Vorgang ein Trauma aus früherer Zeit wecken, schreibt sie in ihrem Buch “Man weiß nur, was man weiß”. Laute Stimmen auf den Fluren oder die Aufforderung, duschen zu gehen, könnten Verweigerung oder gar Panik auslösen.
Rund 100 000 vom NS-Regime verfolgter Menschen, so schätzt Schlegel, leben in Deutschland. Hinzu kommt die große Zahl derer, die von Bombennächten, grauenhaften Beobachtungen oder Missbrauch im Krieg traumatisiert sind. Viele von ihnen waren damals junge Erwachsene, sind heute zwischen 75 und 85 Jahre alt und damit in einer Lebensphase, in der viele ins Seniorenheim umsiedeln müssen.
Etliche Häuser haben sich darauf vorbereitet. Das Anna-Haag-Haus in Bad Cannstatt führt beispielsweise ein Biografieblatt für jeden Bewohner. Unter dem Stichwort “wichtige persönliche Erlebnisse” finden traumatische Kriegserlebnisse ihren Platz. “Allerdings wissen oftmals nicht einmal die Kinder davon”, sagt Susanne Sieghart, die Leiterin des Bereichs Altenhilfe.
Der Widerstand gegen das Pflegepersonal, nicht selten dann, wenn geduscht werden soll, kann aus Kriegserlebnissen resultieren, muss aber nicht. “Der Bewohner könnte früher auch in der Psychiatrie gewesen sein, wo man die Patienten damals kalt geduscht oder gebadet hat, um sie ruhigzustellen”, sagt Susanne Sieghart. Oder es gab früher zu Hause nur eine Badewanne, nie aber ist geduscht worden.
Andere Bewohner lassen sich nicht beim Essen und Trinken helfen, weil sie nichts von vermeintlich Fremden nehmen wollen. Und es gibt Menschen, die das Alleinsein und die Dunkelheit nicht ertragen, “vielleicht, weil damit Kriegserinnerungen verbunden sind, vielleicht aber auch, weil bei ihnen eine Demenz einsetzt”, erklärt Sieghart. Eine ihrer Bewohnerinnen leidet an einer Schizophrenie und schreit oft. Nimmt Sieghart aber ihre Hände und redet mit ihr, wird sie ruhiger. Die Erklärung ist einfach: Die alte Dame stammt wie Susanne Sieghart aus dem Fränkischen und erkennt im rollenden “R” der Altenhilfebereichsleiterin so etwas wie Heimat und Geborgenheit.
Bisher hatte die Fachfrau aus dem Anna-Haag-Haus nur mit einer Bewohnerin zu tun, die zu den NS-Verfolgten zählte. Die Frau wusch zwanghaft oft ihre Hände, ließ sich aber keine Körperpflege gefallen. Zuletzt half der Sohn bei der Klärung: Seine Mutter ist während des Dritten Reichs verhaftet worden und stand bereits auf dem Wagen, der sie in ein Konzentrationslager bringen sollte. In letzter Minute sortierten die NS-Schergen die Frau aus und lieferten sie in eine Nervenheilanstalt ein, wo sie unmenschlichen medizinischen Versuchen ausgesetzt war.
Prinzipiell, so Sieghart, gelte in der Altenpflege: “Wie reagiert ein Mensch auf Pflege, und wie gehen wir damit um?” Vier Pflegekräfte der Nachtschicht stehen bei 28 Bewohnern am Morgen vor dieser Frage. Die Antwort muss in dem vorgegebenen engen Takt von Wecken, Waschen und Frühstücken zwischen 6.30 und 10.30 Uhr gefunden werden. Bezahlt wird diese Mühe von der Pflegekasse nicht.