Foto: Karin Ait Atmane
Stuttgarter Wochenblatt vom 21. Januar 2010
Schlummernde Potenziale von Vätern wecken
Bei der Förderung von Kindern abseits von Klischees und Rollenbildern ist das "Anna-Haag-Haus" spitze, bei der Unterstützung berufstätiger Eltern ebenso: Die Kindertagesstätte im Mehrgenerationenhaus errang den ersten Platz beim "Mestemacher-KITA-Preis", der 2009 in der Region Stuttgart vergeben wurde. Ulrike Mestemacher, Unternehmerin und Frauenrechtlerin, überreichte vergangene Woche die Auszeichnung, die mit 7500 Euro dotiert ist.
BAD CANNSTATT
"Man ist hier der Meinung, dass auch Männer das Potential haben, Kinder zu erziehen und Hausarbeit zu verrichten", sagte Ulrike Mestemacher an die Adresse des Kita-Teams im Anna-Haag-Haus, besonders aber an die der früheren Leiterin Claudine Geils, die zum Jahresende in den Ruhestand getreten ist, und ihrer Nachfolgerin Katrin Geus.
Beide nahmen im Kreis zahlreicher Kinder und im Beisein von OB Wolfgang Schuster die Auszeichnung entgegen.
Der Mestemacher KITA-Preis hebt besonders auf die Kriterien geschlechterdemokratische Erziehung und Vereinbarkeit von Familie und Beruf ab.
In der Kita des Anna-Haag-Hauses werden diese Ziele mit viel Bewusstsein verfolgt. Lange Öffnungszeiten und gemeinsame Erledigung von Hausarbeit in den Gruppen tragen dazu bei, aber auch, dass bewusst männliche Erzieher beschäftigt werden. Bei der Auswahl von Spielmaterial wird darauf geachtet, dass sie keine Geschlechterstereotypien vermitteln.
Und zu den Visionen des Mitarbeiterteams für die nahe Zukunft gehören Bastelabende speziell für Väter - ein Feld, in dem sich Männer noch deutlich weiterentwickeln können.
Auch andere Kurse für die männlichen Vorbilder in der Familie sind angedacht.
Bei der Verleihung des Preises spielte aber auch das Gesamtkonzept des Mehrgenerationenhauses, in dem sich Senioren, Kinder und Jugendliche begegnen, eine entscheidende Rolle.
Verleiherin Ulrike Mestemacher ist Gesellschafterin und in der Geschäftsführung der Mestemacher Vollkornbäckerei aus Gütersloh.
Sie sieht sich als Frauenrechtlerin und hat verschiedene Preise ins Leben gerufen, die der Emanzipation der Frau - und der der Männer in der Familie - dienen sollen. Dazu gehört der Kita-Preis, der jedes Jahr in einer anderen Region vergeben wird.
Sie sehe durchaus einen Platz für Männer am Wickeltisch, sagte die Unternehmerin. Und ihr Mann Albert Mestemacher, Geschäftsführer der Unternehmensgruppe, unterstrich, dass die Wirtschaft für ihre Zukunftsfähigkeit "in der Männerwelt der Führungskräfte geschlechtergemischte Leitungsteams" brauche.
Von Karin Ait Atmane