
Stuttgarter Wochenblatt vom 27. November 2008
Durchlaufstation statt Dauerarbeitsplatz:
Das Integrationsunternehmen Tandiem hat das Ziel, junge Menschen mit geistigen Behinderungen durch intensives Training für den ersten Arbeitsmarkt fit zu machen. Zum Angebot gehören die Gebäudereinigung, ein Catering-Service und eine Wäscherei.
BAD CANNSTATT - Für andere Unternehmer wäre es ein Graus, für Tandiem-Geschäftsführer Jörg Schnatterer aber ein Zeichen des Erfolgs: Die Vorstellung, dass sich die mit viel Aufwand qualifizierten Mitarbeiter verabschieden und eine Stelle in einer anderen Firma antreten. Genau das ist jedoch das Ziel des neuen Integrationsunternehmens Tandiem im Anna Haag Mehrgenerationenhaus. Während andere Unternehmen dieser Art Dauerarbeitsplätze für Menschen mit Behinderungen anbieten, will Tandiem nur eine Durchlaufstation, ein Sprungbrett auf den regulären Arbeitsmarkt sein.
Schließlich ist Schnatterer der Überzeugung: "Wer schwer behinderte Menschen in die Gesellschaft integrieren möchte, muss ihnen einen Platz am ersten Arbeitsmarkt geben." Das neue Konzept von Tandiem hat Karl-Friedrich Ernst, den Leiter des Integrationsamtes, überzeugt: Insgesamt 136.000 Euro schießt die Behörde für die Investitions- und Lohnkosten zu. Weitere finanzielle Unterstützung bekommt Tandiem von der Aktion Mensch sowie der Paul-Lechler- und der Louis-Leitz-Stiftung. "Es hat sich eingeschliffen, dass Sonderschulabgänger automatisch in Werkstätten landen. Oft sind darunter Leute, die dort gar nicht hingehören", bedauert Amtsleiter Ernst.
Mal abgesehen vom persönlichen Schicksal der einzelnen Betroffenen macht es laut Ernst auch volkswirtschaftlich Sinn, wenn die Zahl der teuren Werkstattplätze nicht noch weiter steigt. Geschäftsführer Jörg Schnatterer ist guter Dinge, dass zumindest ein Teil der derzeit zehn behinderten Tandiem-Mitarbeiter im Alter zwischen 16 und 20 Jahren Chancen auf einen Arbeitsplatz in der freien Wirtschaft hat: "Das sind hochmotivierte Leute mit einer hohen Leistungsbereitschaft und echtem Entwicklungspotenzial." Im Laufe von drei Jahren werden die jungen Leute von vier Mitarbeitern intensiv betreut und mit internen Trainings und Arbeitserprobungen in externen Betrieben auf die Arbeitswelt vorbereitet.
Sind sie dort untergekommen, werden sie weiterhin von Tandiem begleitet und unterstützt. Trotzdem: "Es wird nicht möglich sein, dass wir alle vermitteln", sagt Jörg Schnatterer. Tandiem arbeite deshalb eng mit Werkstätten zusammen, damit nach Ablauf der Zeit jeder seinen Platz finde. Nachdem die Mitarbeiter in einer ersten Phase hauptsächlich interne Dienstleistungen für das Anna Haag Mehrgenerationenhaus übernommen haben - zum Beispiel die Reinigung des Seniorenzentrums - nimmt Tandiem nun auch Aufträge von außen an. "Wir sind ein hauswirtschaftlicher Volldienstleister und bieten Dienstleistungen zu marktgerechten Preisen", sagt Betriebsleiter Kai Schreiner.
Gebäudereinigung und Gebäudemanagement, Hauswirtschaftshilfen, Catering und eine Wäscherei mit Hol- und Bringservice gehören zur Angebotspalette. So sorgt Tandiem zum Beispiel in 29 Kindergärten der Stadt Stuttgart für saubere Wäsche. Seit September bietet das Integrationsunternehmen für seine Beschäftigten auch dezentrales ambulant betreutes Wohnen an. Vier von ihnen haben den Schritt zu einem selbstständigeren Leben bereits gewagt. Auch das ist ein Schritt zu mehr Integration in die Gesellschaft.
anc